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Am Dienstag, den 09.09. befand ich mich gegen 18.30 Uhr schon im Primeclub, um Pete Yorn zu treffen, der sich dazu bereit erklärt hatte, mir vor seinem Gig einige Fragen zu beantworten. Ich wartete also vor dem Büro und mit kaum nennenswerter Verspätung traf dann auch Pete ein und begrüßte mich. Auf die Frage hin, wo wir das Interview denn machen wollen, entschieden wir uns für den Balkon in der 1. Etage, da es dort ruhig war und nicht so hektisch zuging. Zu seiner Person: Mir stand ein Mann gegenüber, der sehr ruhig und besonnen zu sein schien, keineswegs abgehoben oder dergleichen, sondern eher etwas verträumt und von Grund auf sympathisch. Nachdem ich mich dafür bedankt hatte, dass er sich vor seinem Gig noch die Zeit für mich nimmt, konnte es auch schon losgehen.
SJM: Hallo Pete. Erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, vor dem Konzert
noch ein paar Fragen zu beantworten. Gehen wir mal zeitlich weit zurück. Was hast du gemacht, bevor du dich für die Musikerlaufbahn entschieden hast?
Pete Yorn: Was habe ich gemacht?! Ich bin zur Schule gegangen. Das war eine tolle Zeit. Dann bin ich auf´s College in upstate New York gegangen. Danach habe ich New Jersey als ein "bankteller" gearbeitet. Das war es eigentlich auch schon. Ich bin zur Schule gegangen und habe länger als ´bankteller´ gearbeitet, bevor ich mich entschied, das alles für die Musik aufzugeben.
SJM: Wann bist du das erste Mal in Berührung mit Musik gekommen und hast das Gefühl bekommen, dass Musik etwas ist, ohne das du nicht leben willst?
Pete Yorn: Ich habe mich schon in jungen Jahren der Musik angenähert. Der erste Richtige Kontakt mit Musik ergab sich aus der Tatsache, dass meine älteren Brüder, die in Bands gespielt haben, bei uns zu Hause in New Jersey im Keller geprobt haben. Sie haben die Scorpions , Iron Maiden und Judas Priest und solche Sachen gecovert und ich war da gerade mal 7 Jahre alt. Sie waren sehr viel älter als ich. Ich war eigentlich ein "Unfall" und meine Eltern hatten mich gar nicht eingeplant. Also, ich war gerade mal 7 Jahre alt, als sie schon Teens waren und ich habe mich einfach unten hingesetzt und habe ihnen zugesehen, wie sie in ihren Bands gespielt haben. Und die Tatsache, Gitarren, Amps und Drumkits ständig und direkt in der Wohnung zu haben, hat mir geholfen, den Einstieg in die Musik zu finden. Ja, so fing das Ganze an.
SJM: Wann hast du angefangen, ein Instrument zu spielen? Und welches war es?
Pete Yorn: Ich habe angefangen, Schlagzeug zu spielen, als ich 9 Jahre alt war. Ist schon verrückt. Ich habe nicht angefangen, weil mich diese Metal-Bands dazu inspiriert haben. Diese Bands waren nie der Aufhänger für mich, Songs zu schreiben. Sie haben mich nicht so inspiriert, dass ich gesagt hätte: "Oh, ich will jetzt auch so Musik machen und will klingen wie die anderen Bands. Das war eher die Musik als Ganzes, die mich antrieb. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, muss ich wohl so 11/12 Jahre alt gewesen sein und zu der Zeit, war ich aus dem Metal-Ding auch schon "rausgewachsen" und habe mich mehr mit, na ja, sagen wir Post-Punk und New-Wave Sachen beschäftigt so wie zum Beispiel The Cure, The Smiths und Wire. Ich glaube diese Art Musik hat mich dazu gebracht, mich danach zu kleiden, mit bestimmten Leuten abzuhängen und bestimmte Bücher zu lesen und das brachte mich auch dazu, Songs zu schreiben. Und das habe ich auch gemacht. Ich habe mir die Gitarre geschnappt und versucht, Songs zu schreiben, die sich wie The Cure anhören sollten. Daran kann ich mich erinnern.
SJM: Bezüglich deines neuen Albums "Day I forgot": Man konnte lesen, dass du die meisten der Instrumente auf dem ersten Album "Musicforthemorningafter" selbst aufgenommen hast. Hast du dich diesmal für das selbe Prozedere entschieden?
Pete Yorn: Ja, größtenteils. Ich habe das Meiste wieder selbst bei den Aufnahmen eingespielt. Und das hat Spaß gemacht. Ich glaube aber, für das nächste Album werde ich mir Leute für eine Band zusammensuchen, die mit mir daran arbeiten. Ich werde mal was neues ausprobieren.
SJM: Was besagt der Titel der Platte? Beruht er auf einer bestimmten Idee?
Pete Yorn: Für mich ist es, hm, weißt du, ich mache eigentlich keine Konzeptalben. Ich schreibe einfach Songs und stelle sie dann zusammen und das ergibt dann ein Album. Ein Album macht für mich dann Sinn, wenn die Musik stimmt, mit der ich etwas vermitteln will, außerdem verschiedene Tempowechsel und Tonarten und dergleichen.
Der Titel der Platte, das ist der Weg, mittels dem ich mich verständigen kann und den andere auch verstehen können. Wenn ich einen Song schreibe oder aufnehme, dann fühle ich etwas dabei. Wenn ich mir andererseits auch Songs anhöre, gibt mir das ein bestimmtes Gefühl und das Gefühl, das ich dabei habe, kann man mit der Phrase "Day I forgot" ausdrücken. Das ist so, als wenn man sich mit alten Freunden trifft, die man länger nicht gesehen hat. Erst redet man darüber, wie es dem anderen geht und dann redet man über vergangene Tage so wie "Remember when we...". Da sind so viele vergessene Nächte, gemeinsame Erfahrungen. Da sind so viele Sachen in einem Gehirn, an die man sich so nicht erinnert, aber sie sind definitiv da, wenn man tief genug gräbt. Dann erinnert man sich auch wieder und man kann sich wieder an bestimmte Gefühle erinnern und sie in gewisser Weise wieder fühlen. Und man hat definitiv eine Menge Grund zu lachen, wenn man sich wieder an bestimmte Dinge erinnert und man sich einen Moment lang wieder wie in alten Zeiten fühlt. Und diese "vergessenen Gefühle" kommen wieder hoch, wenn ich Musik mache.
SJM: Wo siehst du als Songwriter persönlich die musikalischen Unterschiede zwischen deinem Debutalbum und "Day I forgot"?
Pete Yorn: Organisatorisch bin ich es eigentlich gleich angegangen. Ich habe die Songs erst mal in "der Garage" aufgenommen. Aber letzten Endes gibt´s da doch erhebliche Unterschiede. Ich denke, dass sich die Produktion von "Day I forgot" qualitativ um einiges besser ist als noch auf der Debutscheibe. Die Songs haben aber denselben Ursprung. Ich werde von so vielen Dingen inspiriert. Von Leuten, Gesprächen, Beziehungskisten und Dinge, womit meine Freunde und meine Familie zu tun habe. Unumgänglicherweise ist das alles autobiografisch und ich versuche das so zu präsentieren, als wäre es universell. Das sind Dinge, die jederman erlebt. Ich schreibe die Songs für mich, aber wenn das dann veröffentlicht wird, dann weiß ich, dass die Leute es auf verschiedenste Art und Weise interpretieren werden. So wie sie es halt für sich interpretieren wollen. Und das ist es, was ich will. Ich mag es nicht, über den Sinn, den ich in den Liedern sehe, zu sprechen. Ich will, dass die Leute die Texte auf sich beziehen und etwas damit anfangen können.
SJM: Damit hast du die nächste Frage schon zum größten Teil beantwortet: Ist das Schreiben von Texten für dich Selbstzweck oder steckt mehr dahinter? Du willst also, dass sich die Leute ihre eigenen Gedanken darüber machen...
Pete Yorn: Oh, ja, ich ´will´ das nicht, ich hoffe nur, dass die Hörer einen eigenen Sinn in verschiedenen Songs sehen und diesen dann auf das eigene Leben beziehen können. Es ist nicht notwendigerweise so, dass ich in jedem Song sofort einen Sinn sehe. Manchmal dauert das bei mir Jahre. Die Songs ergeben für mich auch in den unterschiedlichsten Zeiten einen anderen Sinn. Ich hoffe, dass das auch bei den Hörern so ist. Dass sie das in den jeweiligen Zeiten ´daraus ziehen´, was sie ´daraus ziehen´ können und wollen. Yeah.
SJM: Wie sieht es mit dem Touren und den unzähligen Liveshows aus. Ist das nur etwas, was zum Musikerdasein gehört oder ist es etwas, was du magst?
Pete Yorn: Ich liebe es. Das ist so eine großartige Möglichkeit, auf diesem Weg die Welt kennenzulernen. Das ist im Grunde ein Segen und ich bin verdammt dankbar für diese Möglichkeit. Ich versuche, bei jeder Show das beste zu geben. Manchmal fühlt sich das wie ein enormer Druck an, der auf dir lastet, auf der anderen Seite ist da die Chance, die man jeden Abend auf´s neue bekommt. Die Welt kennenlernen und Musik zu spielen ist so eine großartige Sache. Ich sehe das nicht als selbstverständlich an und genieße das immer wieder auf´s neue.
SJM: Mein persönlicher Lieblingssong ist ja immer noch "on your side", weil ich den Text auf mich beziehen kann. Eigentlich sind das nur ein paar Worte: " I´m outside your house, 2 a m it´s dark, so many mistakes, come back home from bars". Diese einfache Situation erzeugt ein Bild in meinem Kopf, das irgendwie in mein Leben passt. Was ist wichtiger: Das, was du mit den Texten sagen willst oder das, was andere Leute, die deine Musik hören, damit anfangen. Auch diese Frage hast du ja auch schon vorhin gänzlich beantwortet, also direkt zur nächsten...
Pete Yorn: Ja, nur schade, dass wir den heute Abend nicht auf der Setliste stehen haben. Den haben wir beim Soundcheck gespielt.
SJM: Welcher deiner eigenen Songs ist momentan dein Favorit?
Pete Yorn: Hui, das wechselt oft. "So much work". Das ist der letzte Song auf der "Day I forgot". Oder "just another", welcher auf der "musicforthemorningafter" ist. Diese beiden Songs mag ich sehr. Ich liebe aber auch "burrito".
SJM: Warum spielst du die meisten Instrumente bei den Aufnahmen eigentlich selbst auf? Warum dieses Songwriter-Ding anstatt in einer Band zu spielen? Hat das was mit Kontrolle zu tun?
Pete Yorn: Ein bisschen wahrscheinlich schon. Ich hatte nie viele Freunde, die etwas mit Musik am Hut hatten. Ich habe einen bestimmten Sound, den ich verwirklichen will und im Studio ist das so der beste Weg, diesen auch zu verwirklichen. Und es braucht eine Menge Zeit, um die Leute zu finden, die meiner Meinung nach das beste aus meinen Songs herausholen. Und ich bin im Moment dabei, gerade diese Leute zu finden. Nicht mit meiner Live-Band, die Jungs, mit denen ich im Moment unterwegs sind, das sind schon bemerkenswerte Jungs. Ich mag sie sehr. Aber es war irgendwie nie die Zeit da, zusammen Songs zu schreiben und den perfekten Sound im Studio erst zu finden. Seit der ersten Platte war sogar so wenig an Zeit da, also blieb da nur die Möglichkeit, dass ich die Songs selbst schreibe.
SJM: Welche Musik hörst du dir privat am liebsten zu Hause an?
Pete Yorn: Viele verschiedene Musikstile. Die meisten Bands stammen aus dem Rock´n´Roll Umfeld. In letzter Zeit habe ich mir gerne Musik von The Tyde angehört, einer kalifornischen Band. Die sind auf Roughtrade. Die habe ich in letzter Zeit oft gehört. Aber generell höre ich verschiedene Bands mit unterschiedlichen Stilen.
SJM: Welche Musiker haben den größten Einfluss auf dich gehabt. In den Credits deiner Platten kann man sich ja ein Bild davon machen. Aber erzähl doch mal selbst...
Pete Yorn: Ja, ich danke den Leuten in meinen Linernotes. Das sind Leute, die man kennt. Viele Leute denken sicherlich, dass ich viele von diesen Leuten auch wirklich persönlich kenne, aber ich danke ihnen einfach nur für ihre Inspiration. The Smiths zum Beispiel, die haben mich gewaltig beeinflusst, so auch The Velvet Underground. Wenn man weiter zurückgeht: Rolling Stones-Platten wie "sticky fingers" und "let it bleed". The Stoogeswaren für mich auch eine sehr wichtige Band. Bob Dylan habe ich neulich live gesehen, was das "Songwriter-Ding" betrifft. Einzelne Songs davon sind sehr wichtig für mich, aber ich habe Bob Dylan nie als Ganzheit verstehen können. Carpenters mag ich auch. Oder die Beach Boys. Aber ich mag auch eine Menge Indierock, zum Beispiel Guided By Voices und Pavement. Schau zurück! Für mich ist es ziemlich klar, dass Pavement von Lou Reed beeinflusst wurden und Lou Reed wurde wieder von einem anderen beeinflusst. Ich finde das sehr wichtig: Wenn du von einer Band beeinflusst wirst, finde heraus, von wem sie wiederum beeinflusst wurde. Am Ende wirst du auf eine Band stoßen, die sich weitaus origineller anhört als die Band, die du eigentlich magst. Verstehst du, was ich damit sagen will?
SJM: Ich denke schon. (Merke: Die Ursprünge sind´s, die zählen!) Was hast du in der nächsten Zeit vor? Schon Pläne?
Pete Yorn: Bis November werden wir wohl auf Tour sein. Und nächstes Jahr möchte ich ein neues Album machen. Das bisher beste Album, hoffe ich. Und dann werden wir wieder touren und ich hoffe doch sehr, dass wir wieder hierhin zurückkommen können. Besonders nach Deutschland. Bedenke: Das ist wieder meine erste Show hier seit einer langen Zeit. Ich hoffe, dass wir noch mal die Chance bekommen, nach Europa zu kommen.
Das hoffte ich nach dem Konzert auch. Eigentlich hatte ich mich auf eine ruhige Akustikshow eingestellt, doch Herr Yorn rockte den Primeclub so, dass selbst mir - wenigstens am Anfang - die Sprache wegblieb. Es war ein sehr mitreißendes Konzert, auf dem er fast nur Lieder von der "Musicforthemorningafter" spielte, da sein neuester Streich hier in Deutschland noch nicht so lange erhältlich war. Für mich persönlich eine Liveshow der Extraklasse und eine ebensolche Persönlichkeit. Bleibt nur zu hoffen, dass sich in nächster Zeit noch mal die Gelegenheit ergibt, sich den Mann, vielleicht im Gewand einer Band - anzuschauen.
(Dennis Grenzel)
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