No Use For A Name - 10.10.2003, Münster

No Use For A Name haben schon Punkrock-Klopfer aus dem Ärmel geschüttelt, da war ich noch Quark im Schaufenster. Glatt gelogen natürlich, gibt es die Band aber doch nun schon seit nunmehr 16 Jahren. Ich war gerade mal 15, als ich mir mit ´don´t miss the train´ das erste No Use For A Name Album gekauft habe. Damals waren sie noch eine Band unter vielen, heute sind es die Punkrock-Pioniere schlechthin. ´This is Tony Sly and you´re listening to XXX-Radio´ sagt er gerade in ein Mikro für eine Radioshow und kann sich hinterher ein Lachen nicht verkneifen. Ich denke nur: ´Man, sieht der alt aus´, begrüße Tony Sly und den zweiten Gitarrenmann Dave Nassie, bitte zum Gespräch und nach einer kurzen Weile geht´s auch schon los mit der Rumfragerei.

SJM: Nachdem man schon 16 Jahre eine Punkrock-Band war, die Bühne u.a. mit The Offspring und Bad Religion geteilt hat und man schon etliche Alben rausgebracht und die ganze Welt betourt hat: Gibt es da immer noch etwas, was man erreichen will?
Tony: Ja, klar. Wir wollen noch unser bestes Album aufnehmen. Ich denke, dass wir das immer noch können. Und hoffentlich gibt es da noch etliche Sachen vor dem Ausbrennen. Außerdem gibt es noch andere Länder, in denen wir noch touren wollen.
Dave: Man will natürlich immer noch mehr Leute mit seiner Musik überzeugen. Und es ist immer noch eine tolle Sache, Shows zu spielen. Darum machen wir das Ganze auch, das Warten vor den Shows, die Fahrerei. Alles dreht sich darum, abends eine Stunde auf der Bühne zu stehen. Das ist die beste Stunde des Tages. Wenn es keinen Spaß mehr machen würde, würden wir es auch nicht machen, ganz klar.

SJM: Ihr seid jetzt schon einen Monat auf Tour gewesen und tourt jetzt auch noch durch Deutschland. War es bisher eine gute Tour? Gibt´s irgendwas wichtiges zu berichten?
Tony: Ja, bisher war´s toll. Wir hatten bisher nur gute Shows, die wir mit 2 anderen tollen Bands spielen, Big Wig und Irish Car Bomb. Ja, wir haben bisher eine Menge Spaß gehabt und neue Leute kennengelernt. Irgendwie ist es aber immer schwer in Deutschland, wenn es kälter wird, besonders dann, wenn du aus Kalifornien kommst. Es ist schön, wieder hier zu sein, gerade, weil wir ja auch regelmäßig hier spielen und Freunde hier haben und es einfach ein tolles Publikum ist.

SJM: Ihr habt ja auch schon Familie. Was sagen die denn dazu, dass ihr so lange unterwegs seid?
Tony: Das ist Gewöhnungssache. Ich weiß noch: Das erste Mal, als wir länger auf Tour gingen, war es schon verdammt hart für mich und meine damalige Freundin. Aber jetzt ist es so, als ob ich jeden Morgen zur Arbeit gehen würde. Ja, es ist Alltag geworden. Manchmal, wenn man zum Beispiel 9 Monate, also fast ein Jahr, unterwegs ist, dann geht´s schon an die Grenze. Aber man weiß, dass man mit der Familie immer Kontakt haben kann. Man muss einfach den Kontakt aufrecht erhalten.
Dave: Es ist wichtig, jemanden dabei zu haben, der einen versteht. Wäre es nicht so, wäre das verdammt schlecht. Jeder von uns hat im Moment jemanden, der zu Hause auf ihn wartet. Das kann die Sache schon kompliziert machen. Hauptsache, sie verstehen, warum man das macht und dann klappt das schon.

SJM: Eine kleine Geschichte. Ein Bekannter steht auf eurer letzten Tour vor der Bühne, als Tony als erster auf die Bühne kam und "feels like home" gespielt hat, und er musste schlichtweg anfangen zu weinen, weil ihn das Lied so ergriffen hat. Ich denke, dass auch nach 16 Jahren NUFAN noch wichtige Dinge zu sagen haben und eine Menge Leute mit ihrer Musik und ihren Texten erreichen. Was meint ihr dazu? Es scheint, NUFAN wäre nicht einfach nur eine Funpunk-Band...
Tony: Stimmt. Wenn du aus dem Herzen sprichst, wird es immer so sein, dass du auch jemand anders damit ansprichst. Da sind immer Dinge, mit denen die Leute sich identifizieren können und sie auf ihr persönliches Leben übertragen können. Die Leute lesen die Texte auch ganz anders. Das ist nicht Fiktion. Ich schreibe Texte, die direkt was über mein Leben aussagen. Es gibt Leute, die Texte schreiben, die mit ihrem Leben gar nichts zu tun haben. Aber ich denke auch, es ist sehr einfach, diese beiden voneinander zu unterscheiden. Und die Leute merken auch, ob Texte eine Kopfsache sind oder ob sie frei vom Herzen weg geschrieben werden.

SJM: Wie ist es, 16 Jahre in ein- und derselben Band zu spielen? Ich denke, dass da mehr hintersteckt, als nur die Tatsache, dass man zusammen in einer Band spielt. Wie entwickeln sich die Beziehungen innerhalb euer Band?
Tony: Das ist toll. Wir hatten eine Menge Lineup-Wechsel und das ändert einfach alles. Wirklich alles. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Lineup, was wir jetzt seit ungefähr 5 Jahren haben, das ´positivste´ ist, was wir je hatten. Wir probieren viele Sachen neu aus.
Dave: Jeder kommt mit dem anderen gut aus und wir verarschen uns regelmäßig selbst. Mit der Zeit entwickelt man diese bestimmte Art Humor, die dazu notwendig ist. Mann muss bedenken, dass wir unglaublich viel Zeit miteinander verbringen. Wenn du einen 9 to 5-Job hast, kannst du diesen Leuten auch aus dem Weg gehen. Wir können uns nur aus dem Weg gehen, wenn wir mal in den Luxus kommen, mit einem Bus unterwegs zu sein.
Tony: Man muss wirklich Leute finden, mit denen man richtig leben kann. Ich habe diese Jungs den GANZEN Tag um die Ohren, bedenke das. Und außer uns beiden sind da noch 2 andere. Und wenn das passt, dann ist das schon richtiges Glück. Wir müssen uns ja auch vertragen. Wir machen ja schließlich Musik zusammen, hehe.

SJM: Jede Band sagt ja, dass ihr aktuelles Album das beste sei. Lasst uns mal zurückschauen. Was ist euer persönlicher Fave?
Tony: Mmh, ich habe keine Lieblingsplatte. Die sind so verschieden. Ich habe zeitweise Lieblingssongs, aber Lieblingsplatte. Nee, kann ich jetzt ehrlich nicht sagen.

SJM: So wie ich das sehe, spielt ihr jetzt seit ca. 16 Jahren auf dem gleichen Level, seid vielleicht ein bisschen bekannter geworden, als ihr von New Red Archieves zu Fat Wreck gegangen seid. Aber in der ganzen Zeit gab es keinen Major-Deal oder etwas Vergleichbares. Ist das nach so vielen harten Jahren als Band nicht auch etwas enttäuschend?
Tony: Nein, und zwar weil es schon verdammt lange braucht, um an den Punkt zu kommen, wo wir uns jetzt befinden. Und jede verdammte Person, die wir in all den Jahren getroffen und kennengelernt haben, all das war real. Nichts davon war ´bullshit´. Und das fühlt sich gut an, wenn diese Beziehungen wirklich so standhaft sind und nicht ´here today, gone tomorrow´. Und ich kenne keinen in unserem Umfeld, der uns irgendwie verarschen würde. Aus dem Grunde, weil wir alles so gemacht haben. Für uns ist es so definitiv besser, als wenn wir auf einem anderen Label wären, wo andere Leute über alle Möglichen Dinge die Entscheidungsgewalt haben, auch über das, was du schreibst. Ich würde das nicht mitmachen. Ich bin 32 und das würde ein verdammt großes Risiko sein.
Dave: Auf einem Major-Label zu sein, birgt wirklich ein verdammt großes Risiko. ´It can kill you right away.´ Schlicht und ergreifend. Es ist die Sache einfach nicht wert. Man muss dann wirklich darauf achten, wie viele Leute deine Platten kaufen. Und wenn du eine Menge Geld hast, wirst du es eh nur ausgeben, haha. Oder man macht es so wie wir und baut sich da einiges auf. Ich finde das schon wesentlich besser.

SJM: Wie schreibt ihr eure Songs? Tony, bist immer du das, der mit einer Idee ankommt? Wie läuft das bei euch?
Tony: Ich mag es, die Songs zu Hause zu schreiben, weil ich da meine Ruhe habe und keinen Druck. Da kann ich meinen Gedanken und Ideen freien Lauf lassen. Dann mache ich eine Art Demoband für die Band und die steuert dann ihre eigenen Ideen dazu bei und nach einer langen Zeit des Probens dieser Stücke gehen wir dann ins Studio.

SJM: Inwiefern unterscheidet sich "hard rock bottom" von euern bisherigen Releases?
Dave: Ich bin drauf! (Tony lacht, so dass er beinahe vom Stuhl fällt.)
Tony: Ja, das ist absolut richtig. Es ist eine Ecke ´edgier´ als unser letztes Album "more betterness´. Uns kam das Album mit der Zeit irgendwie zu langsam vor. Aus diesem Grunde ist das neue schon schneller und ausgereifter, weil wir als Band noch weiter zusammengewachsen sind. Das hörst du wirklich raus, wenn man sich ältere Alben anhört.

SJM: Tony, du wirst demnächst eine Akustik-Split mit Joey Cape von Lag Wagon veröffentlichen. Kannst du und darüber schon was sagen? Wann wird die Platte rauskommen?
Tony: Die wird im März 2004 rauskommen und es werden 12 Songs drauf sein. Es ist schon alles aufgenommen und gemischt und ja, sie wird akustisch sein.
Dave: Ja, die hört sich echt verdammt gut an.

SJM: Einer meiner Lieblingssongs von euch ist "nailed shut". So, wie ich den Song auslege, handelt er vom Erwachsenwerden und der Frage, wer man in Wirklichkeit eigentlich ist, also dies rauszufinden. Liege ich da falsch? Und in wie weit habt ihr persönlich dieses Ziel schon erreicht?
Tony: Ja, das stimmt schon. Ich denke, solange ich auf Tour bin und jeden Abend die Jugendlichen sehe, werde ich nie wirklich erwachsen werden. Ja, er handelt vom Erwachsenwerden und dem sich-aufraffen.

SJM: Eine Textzeile von euch lautet: "To shut me up you´ll have to wait a whole lifetime." Kann das symbolisch für euch stehen? Denkt ihr nicht daran aufzuhören? No end in sight?
Tony: (Summt vor sich hin.) Ich überlege gerade, wo das herstammt. Wir spielen den Song nie life. Ich kann mich an den Text kaum erinnern. Moment...(summt)....JA! Was auch immer jemand anders sagen wird. Wir werden nicht gehen! Oh man, du analysierst einen Text viel besser, als ich das kann.

SJM: Jaja, bestimmt, hehe.
Tony: (lacht) Nein, aber du hast wirklich Recht.

SJM: Vorletzte Frage: Was kann man in nächster Zukunft von euch erwarten? Was steht an?
Dave: Nach dieser Tour machen wir erst mal eine Pause. Und ich denke auch, dass die gerechtfertigt ist. Wir haben jetzt 3 2-Monats-Touren hinter uns, und die auch fast ohne Pause dazwischen. Wir hatten vor, uns in dieser Zeit mal an der DVD zu arbeiten, die wir schon ziemlich lange im Auge haben. Daran werden wir arbeiten. Und wann es wieder losgeht? Mmh, so festgelegt sind unsere Pläne eigentlich nicht.
Tony: Dies wird erst mal die letzte Tour von vielen sein.

SJM: Wie sieht´s mit einem Schlusswort an die Fan-Base aus?
Tony: Die Shows und die Reaktionen waren wirklich super. Ich würde einfach sagen: Danke, dass ihr zu unseren Shows gekommen seid.
Dave: Ja, definitiv. Danke.

SJM: Ich danke euch.

No Use For A Name haben an diesem Abend eine Hammer-Show hingelegt und alle mit genügend Punkrock-Melodien aus all ihren Alben versorgt. Das sind Konzerte, die noch richtig Spaß machen und No Use For A Name haben auch eine Menge Spaß dabei. Das hat man zur Genüge gemerkt. Und trotz des Alters der Band stecken die immer noch so jede Halle in Brand. Don´t miss them live.

(Dennis Grenzel)