Matchbook Romance - 02.09.2003, Köln, Primeclub

Ich kam - wie fast immer - zu spät. Matchbook Romance, die kurz vor der Veröffentlichung ihres ersten Longplayers stehen, stärkten sich im Mexikaner neben dem Primeclub gerade, als ich ankam, um sie ein wenig über dieses eben genannte Werk auszuquetschen. Sie fragten erst, ob ich es nicht als unhöflich empfinden würde, wenn sie nebenbei essen würde. Ich zündete mir eine Zigarette an und meinte, dass es mir überhaupt nichts ausmachen würde. Ich habe selten so sympathische, junge und noch so ambitionierte Interviewpartner gehabt. Für sie war das Ganze natürlich auch spannend. Das konnte man ihnen anmerken. Bei manchen Fragen wurden sie verlegen, was ich noch als sympathischen Zug deuten will. Diese Band ist noch so jung und noch so ohne Routine, dass es mir und ihnen auch sehr viel Spaß machte, sich über Grundsätzliches und "stories and alibies" zu unterhalten. Das ging ungefähr so:

SJM: Nun, wir haben den 2. September und ihr seid soeben in Köln angekommen. Wie waren eure bisherigen Erfahrungen in Europa? Das ist ja das erste Mal hier für euch. Erste Eindrücke, bitte.
Andrew: Bis jetzt: Super! Ich mag Europa. Die Fans hier sind wirklich super. Die Reaktionen auf uns sind wirklich verdammt gut in Europa.

SJM: Kannst du Matchbook Romance mal bitte vorstellen? Wer macht was in der Band?
Aaron: Ich heiße Aaron und spiele Schlagzeug.
Andrew: Ich heiße Andy und spiele Gitarre und singe die Lead Vocals. Und der da neben uns ist Judas, der zweite Gitarrist. Und Ryan ist der Bassist.

SJM: Kannst du uns kurz in die Geschichte von Matchbook Romance einführen. Wann und wo ging es los?
Andrew: Eigentlich begann alles mit Ryan, Judas und Andy, die zu der Zeit in einer Band spielten, die Fizzlewink hieß. Und sie kannten einen neuen Drummer, denn der alte war ausgestiegen. Also hab ich es einfach mit ihnen probiert und wir hießen danach The Getaway. Wir begannen, eine Menge lokaler Konzerte zu spielen. Gerade, als wir damit angefangen haben, hat uns Brett im Internet aufgestöbert, hat uns angerufen und sagte, dass er uns gerne unter Vertrag nehmen wolle. Das ist jetzt ein Jahr und 2 Monate her. Nach der EP haben wir dann die Musik für unser erstes Album geschrieben, welches hier am 22. September rauskommen wird. Und danach sind wir direkt auf Tour gegangen und jetzt sind wir hier mit den Ataris.

SJM: Wie entsteht ein typischer Matchbook Romance-Song?
Andrew: Ein typischer Matchbook Romance-Song benötigt eine Menge Arbeit. Normalerweise ist es entweder Judas oder ich, der mit einer Idee zu den anderen kommt.. Ein Basspart. Ein Gitarrenriff. Wir spielen uns das dann in Proben vor und jammen einfach drauf und schreiben weiter drauflos. Wenn wir dann erst mal einen ganzen Song zusammenhaben, sind wir davon begeistert, weil wir die Arrt Musik lieben. Dann gehe ich nach Hause. Besonders ich muss die Musik quasi fühlen können, da ich die Texte dazu schreibe. Wenn die Musik mich nicht anspricht, kann ich das nicht., aber wenn´s klappt, dann schreibe ich die Texte dazu, wir üben das Stück daraufhin ein und nehmen es auf. Das ist es.

SJM: Womit beschäftigen sich die Texte?
Andrew: Viele davon sind persönlicher Natur. Manchmal handeln sie auch von Erfahrungen, die andere Leute gemacht haben. Wie die bridge zu "the greatest fall (of all time)". Dieser Part ist über eine Beziehung, die er hatte (zeigt zu Aaron) und das hat mich irgendwie berührt. Manchmal ist es sogar eine Geschichte, die ich schreibe, die Realität werden könnte. Also, manchmal Geschichten und manchmal aus dem echten Leben.

SJM: Im Info über euch steht, dass ihr bei den Aufnahmen zu eurem neuen Album neue Dinge ausprobiert, musikalisch experimentiert, verschiedene Herangehensweisen an einen Song eingeübt habt. Was kann man sich darunter genau vorstellen?
Andrew: Wir haben erst mal Sounds mit verschiedenem Equipment ausprobiert und solche Dinge, verschiedene Arten zu singen. Dann haben wir zum Beispiel verschiedene Instrumente benutzt, so verschiedene Gitarren. Wir haben es auch mit orchestraler Begleitung versucht. Wenn wir als Band mal größer werden sollten, dann möchte ich mal eine eigene Streichersektion als Begleitung, die das Ganze dann echt atmosphärisch macht.

SJM: Man kann die musikalischen Parallelen zu The Used nicht abstreiten, besonders, wenn man sich die EP "west for wishing" anhört. Werdet ihr öfters diesbezüglich angesprochen?
Andrew: Eigentlich nicht. Wenn man sich die beiden Bands wirklich ansiehst und sie vergleichst, dann gibt´s da schon erhebliche Unterschiede. Wir sind mehr vom Pop beeinflusst. Unsere Texte sind nicht wie ihre. Unser drummer spielt anders als der von The Used. Unser Bassist spielt anders als der von ihnen. Wir sind verschiedene Leute mit anderen Ídeen.

SJM: Nur ein Gedanke: Eine Band, ihr, präsentiert ihre Debut-EP, wenn The Used hier in Europa gerade richtig abgefeiert werden. Und Matchbook Romance wird daraufhin direkt wieder ins Studio geschickt, um den Longplayer nachzulegen. Klingt beim ersten Zuhören doch wie Trittbrettfahren. Was würdet ihr dem entgegnen?
Aaron: Oh, nein! selbst wenn die EP ein wenig nach The Used klingen sollte, so sind wir doch ins Studio gegangen und unser Sound hat sich dort doch erheblich verändert. Wir versuchen keineswegs, sie zu kopieren. Das will ich damit sagen. Wir mögen die Musik und die Band wirklich sehr. Aber wir sind nicht zurück ins Studio gegangen, um sie zu kopieren. Sie beeinflussen uns musikalisch, wie auch Thursday, Taking Back Sunday. Aber wir werden niemals eine Kopie einer anderen Band sein.

SJM: Wenn man sich "stories and alibies" anhört uns sie mit "west for wishing" vergleicht, scheinen die neuen Songs ´catchier´ zu sein, poppiger. Worin würdet ihr persönlich die Hauptunterschiede sehen. Was können die Leute, die "stories and alibies" noch nicht kennen, erwarten?
Andrew: Zuerst einmal können sie sich auf eine wirklich bessere CD gefasst machen. Die CD ist ein Anfang. Sie präsentiert uns erstmals so, wie wir sind und wie wir wirklich klingen wollen. Wir und unsere Musik verändern uns noch, da wir noch eine sehr junge Band sind. Wir machen alles, damit wir glücklich sind, nicht um anderen zu gefallen.

SJM: Das Internet spielte eine große Rolle bezüglich eurer "Karriere" als Band. Inwiefern?
Aaron: Ja, das Internet. Wir haben es für Promozwecke genutzt. Wir haben songs auf absolutepunk gepostet, so dass sie jeder hören konnte und Brett Gurrewitz von Epitaph hat uns dadurch entdeckt. Das war der entscheidende Punkt.

SJM: Wenn man sich so eure Bandinfo durchliest, hört sich das manchmal wie der ´American dream´ an. Zumindest hört es sich so an Z.B.:" Es ist, wie in einem Traum zu leben und ich möchte daraus niemals wieder erwachen." Funktioniert der amerikanische Traum für euch in diesen Tagen oder was ist es?
Andrew: Ja. Ich denke, dass wir einen Traum leben. Ich glaube, dass wir den Traum leben, den viele träumen. Und daraus will ich wirklich nicht aufwachen.

SJM: Was für Musik hört ihr euch persönlich an?
Andrew: Die Beatles, Cursive, Thursday, Taking Back Sunday.
Aaron: 311, ja, ich liebe diese Band. Und A New Found Glory.

SJM: Was bedeutet Punkrock und speziell das Musikmachen für euch?
Andrew: Ich würde es nicht als Punkrock bezeichnen. Irgendwie bedeutet Musik mehr als nur ein Ventil zu haben. Es ist schon so. Wenn mich was persönlich anspricht oder ich betroffen sein, dann ist das Schreiben schon ein Ventil. Ich lasse einfach das raus, was mich in dem Moment so ankotzt. Das gleiche gilt für die Jungs hier. Jeder hat mal einen Punkte in seinem Leben, die ihm nahe gehen. Ich glaube das zeigt sich an einer Stelle besonders deutlich: Das ist, warum du bei uns die Verbindung von Pop-Punk und härterer Musik raushörst. Ich denke das ist es.

SJM: Was haltet ihr vom Downloaden von Musik aus dem Internet?
Aaron: Es passiert sowieso. Es macht nicht viel Sinn, dem entgegenzutreten, wie z.B. Napster...es passiert einfach. Die Leute nutzen die zur Verfügung stehende Technik und können sich damit ganze CDs herunterladen.

SJM: Aber jetzt "klauen" die Leute doch irgendwie das Geld, was euch zusteht?!
Aaron: Ich glaube das hängt von den jeweiligen Leuten ab. Wenn die Leute die Musik lieben, die Band mögen, dann werden sie sich auch die CD kaufen.
Andrew: Ich glaube das ist alles gar nicht so schlimm. Ich glaube, dass es da draußen eine Menge Fans gibt und Leute, die selber in Bands spielen. Einige haben sich die CD heruntergeladen und mögen sie. Und sie sagen: "Ich werde mir die CD trotzdem kaufen, wenn sie rauskommt, denn ich will euch unterstützen, weil ich weiß, wie das ist." Auch wenn sich Leute die CD runterladen ist das Geld noch nicht verloren, da sie zu deinen Konzerten kommen, Merchandise kaufen etc.

SJM: Was ist die nächste Treppenstufe in eurem Traum? Was können wir von euch in nächster Zeit erwarten?
Aaron: Wir werden uns erst mal den Arsch abspielen, um das neue Album zu promoten. Wir werden viel live unterwegs sein und versuchen, uns eine Fangemeinde zu erspielen. Nicht nur in den USA, auch hier in Europa, überall. Und wir werden weiterhin gute Musik schreiben.

SJM: Ihr seid hier schon einigermaßen bekannt. Ein Schlusswort für die Fans da draußen?
Andrew: Ich möchte erst mal allen danken, die uns unterstützt haben und zu unseren Shows gekommen sind. Denn wir konnten sie in der Menge sehen, wie sie zu den Texten langsam ihre Lippen bewegten. Wir danken jedem, der da war. Wir werden auch wiederkommen. Und kauft unser Album am 22. September, sonst können wir nämlich nicht zurückkommen (lacht).

Bei mir haben die Jungs aus New York einen sehr sympathischen Eindruck hinterlassen. Ich hoffe für die Band, dass sich ihre Arbeit bezahlt macht und dass sie auch in Europa Fuß fassen können, wie das in Amerika schon längst der Fall ist, wie ich mir sagen ließ. Sie lieferten im Primeclub hinterher ein super Konzert, welches aber leider viel zu kurz war. Aber sie kommen ja wieder. Und dann bestimmt als Headliner... In diesem Falle nicht zu Vermeiden: Danke an Alex und Eike von Starkult für die Organisation und die Chance, mit den Jungs zu reden. An die Jungs selber natürlich auch. Und nicht zuletzt ein "Dankeschön." an Cornelia Heck, die uns schon bei so manchen Übersetzungen eine riesen Hilfe war.

(Dennis Grenzel)